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  • Gesundheit! Die besten Gründe, jetzt Musik zu machen

    Musik machen – jetzt? In diesem Chaos? Singen? In diesem Zustand? Dein Ernst?!?

    Seit einem Jahr werde ich das immer wieder gefragt, online wie (seltener, leider) offline. Ich sage immer: Ja, das ist mein voller Ernst! Denn es gibt gute Gründe, Musik zu machen, und zwar genau jetzt und nicht in zwei Jahren. Genau jetzt, gerade, weil diese Situation für alle eine riesige Herausforderung ist. Musik ist gesund! Warum? Darum:

    Musik macht uns stark – physisch, mental, kognitiv und emotional

    Musik gibt Kraft. Wir spielen oder singen unsere Lieblingssongs, tun uns und anderen Gutes damit und versinken oft ganz tief im Spielen. Wenn wir wieder auftauchen, haben wir viel für uns getan – und für unsere Umwelt. Denn Musizieren stärkt uns physisch, kognitiv/mental und emotional. Davon profitieren nicht nur wir allein.

    Körperliche Vorteile:

    Im Alltag sind wir meist weit davon entfernt, tief und entspannt zu atmen. Beim Singen oder Spielen eines Instruments aktivieren wir die natürliche Tiefenatmung – das Zwerchfell wird aktiviert und das tut unseren Lungen und dem ganzen Atmungssystem unheimlich gut.

    Nicht nur, aber gerade auch bei älteren Erwachsenen verbessert Musizieren das Immunsystem. Es wird viel geforscht und es gibt zunehmend mehr Beweise für eine verbesserte Immunantwort auf eindringende Viren. Wenn das kein guter Grund ist, Musik zu machen?

    Aktives Musizieren wirkt sich positiv auf den Blutdruck und den Herzschlag aus, reduziert Stress und lindert Ängste und Depressionen.

    Singen und spielen ist das beste aktive Hörtraining, das man kriegen kann – nicht nur im Alter. Dabei geht es nicht nur um musikalisches Hören, sondern auch um ganz alltägliches: Beispielsweise fällt es uns durch Training leichter, in einer lauten Umgebung Stimmen herauszufiltern oder Geräusche richtig zuzuordnen.

    Aktivität und Haltung: Singen und spielen bringen Bewegung in den ganzen Haltungsapparat und fördern eine aufrechte, entspannte Haltung im Alltag.

    Mentale und kognitive Vorteile:

    Musizieren fordert das ganze Gehirn und ist das beste Gedächtnistraining von allen, denn wir Musiker wiederholen nicht zum tausendsten Mal dasselbe Wort für die Lücke im Kreuzworträtsel oder addieren stupide irgendwelche Zahlenreihen, sondern lernen ständig Neues dazu – und transferieren das Gelernte ständig weiter. Schlaganfall- und sogar Alzheimerpatienten profitieren davon genauso wie Kinder, Jugendliche und gesunde Erwachsene.

    Wir trainieren beim Singen und Spielen permanent unsere motorischen Fähigkeiten weit über die gewöhnliche Hand-Augen-Koordination hinausgehend. Hände, Füße, der ganze Körper – alles greift lückenlos in Rhythmus und Bewegung ineinander. Musiker sind Koordinations-Genies.

    Ob wir gerade zu viel Arbeit und Aufgaben haben oder zu wenig: Das regelmäßige Üben eines Instruments verbessert unser Zeitmanagement. Ob wir dabei für´s Üben wegen genereller Überlastung Zeit freischaufeln und stark priorisieren müssen oder im umgekehrten Fall Tagesstruktur und eine sinnvolle Tätigkeit vermissen: Die Freude am Spielen und Singen gibt uns Inseln im Alltag, an denen wir ganz bei uns sind.

    Beim Notenlesen oder generell beim Lesen von Musik bilden sich neue Verbindungen zwischen Synapsen im Gehirn. Unter anderem wird dadurch auch das Lesen und Erfassen anderer verschriftlichter Inhalte verbessert. Die generelle Lesekompetenz und das Lesetempo steigen – nicht nur bei Kindern und Jugendlichen.

    Gemeinsames Musizieren trainiert das bewusste Zuhören. Wenn wir zusammen spielen und singen, hören wir bewusst aufeinander; das Timing, das Tempo, den Ausdruck, das miteinander Schwingen. Das macht uns zu besseren Hin-Hörern im Alltag.

    Wenn wir uns neue Fertigkeiten erarbeiten, arbeitet das ganze Gehirn, wird der ganze Körper koordiniert und das Gehör läuft auf Hochtouren. Das fordert unsere ganze Konzentration. Dadurch verbessern wir permanent die Fähigkeit, uns im Alltag und auf andere Lerninhalte zu konzentrieren. Musik wirkt weit über die reine Performance hinaus.

    Emotionale Vorteile:

    Musizieren fördert Selbstbewusstsein und Leistungsfähigkeit. Wir erfahren eine Selbstwirksamkeit, die wir im schulischen und Arbeitsalltag nicht selbstverständlich spüren. Wenn wir uns etwas aneignen, geschieht das aus eigener Kraft und niemand kann uns das abnehmen. Klar, der Coach oder Lehrer wird uns unterstützen, aber tun müssen wir es schon selbst. Dafür gehört der Erfolg wirklich uns!

    Wir arbeiten ständig an unserem Selbstausdruck. Wie wir spielen, wie wir unsere Gedanken und Gefühle ausdrücken, ist sehr individuell. Musizierend nähern wir uns dem an, was uns ausmacht und finden nach und nach Ausdrucksmöglichkeiten für unsere Persönlichkeit. Das wirkt sich auch positiv auf die Performance in anderen Lebensbereichen aus – wer mit einem Chor oder einer Band auftritt, schafft auch das nächste Referat oder die nächste Präsentation leichter.

    Aktives Musizieren ist therapeutisch wirksam. Es kann helfen, Stress zu reduzieren, Schlaflosigkeit zu lindern und ist ein tolles Ventil für Emotionen aller Art. Es hilft uns, Distanz zu Stresssituationen zu bekommen und zu entspannen.

    Am Schönsten ist es doch gemeinsam – wenn wir mit anderen in der Band oder im Chor singen und spielen, sind wir in bester Gesellschaft und lernen ständig neue, musikbegeisterte Gleichgesinnte kennen. Und, nicht zu vergessen: Musik wirkt inklusiv! Egal, was uns fehlt, womit wir beladen sind oder gebeutelt werden, in welcher Phase wir stecken oder welche Eigenheiten wir mitbringen: Als Musiker sind wir immer mittendrin statt nur dabei und bereichern uns gegenseitig!

    Da staunst du nun – oder hast du das schon immer gewusst? Oder es schon tief in dir drinnen gespürt, dass Musizieren eine riesige Kraftquelle ist?

    Gibt es denn nun noch einen guten Grund, nicht ab sofort Musik zu machen, nicht die Vorteile für deine Gesundheit zu nutzen oder dir nichts Gutes zu tun? Du bist eigentlich nur hier, weil – ja, weil du ja gerne würdest, aber du traust dich nicht? Gib dir einen Ruck, ich werde es dir leicht machen, versprochen. Und warum ich dich die ganze Zeit duze, fragst du dich zum Schluss? Weil wir das immer so machen unter uns Musikern. Mach mit, die Anschub-Energie bekommst du von mir!

  • Sprinter auf der Mittelstrecke

    Ich bin eine Sprinterin. Glauben Sie nicht? Zugegeben, sieht man mir nicht an. Ich bin eine geistige Sprinterin. Anfallsartiges Arbeiten – haben Sie davon schon einmal gehört? Nein? Kein Wunder – so nenne wohl nur ich meinen nativen Arbeitsstil. Der geht in etwa folgendermaßen: Ich arbeite so das alltägliche Pensum. Übe Klavier, bereite Chorproben und Coachings vor, kümmere mich um meine Büroangelegenheiten. Haushalt, Bewegung, Telefonate, Videochats, Unterricht. Währenddessen arbeitet es in meinem Hinterstübchen. Eigentlich wäre es schon an der Zeit gewesen, dieses Projekt auf die Füße zu stellen – eigentlich. Die Idee war ja da. Oder die Aufgabe. Allein – mein Hirn ist noch nicht fertig damit. Dann kommt diese Nacht. Diese eine. Binnen vier, fünf Stunden ist alles erledigt, was dazu gehört. In einem einzigen Kraftakt, das Hirn auf Hochtouren, steht dann die Arbeit von drei, vier wachen Tagen. Nach dem Tag danach fragen Sie besser nicht. Worum es hier eigentlich geht? 

    mit den Kräften haushalten

    Es geht um die Mittelstrecke. Und um die Langstrecke. Um die Kraft. Um das Haushalten mit den eigenen Energien. Das Kräftemanagement, wenn Sie so wollen. Und warum eigentlich? Weil wir in einer Pandemie leben. Weil wir in einer Situation leben, die Auswirkungen auf unser gesamtes Arbeits- und Sozialleben hat. Die sich auf unser körperliches und seelisches Befinden auswirkt. Wie Sie selbst gemerkt haben, wirkt sie sich ungünstig aus. Vom Corona-Blues haben Sie schon gehört, ihn bei sich oder bei anderen erlebt? Unser Sozialleben ist empfindlich gestört, der vorher schon brüchige Familienfrieden wird auf die Probe gestellt, der Stress im Geschäft nimmt exorbitant zu, einige werden von Kündigung bedroht, andere sind aus Krankheitsgründen nun komplett isoliert. Es fehlt an allem: Kontakt, Zuwendung, Bestätigung, Ruhe, Entspannung, gemeinsame Erlebnisse. Die Einen hängen Bettlaken aus dem Fenster, beschriftet mit „Schluss mit Corona – es reicht jetzt!“, die anderen werden immer stiller und leiden alleine. Es waren keine vier Wochen im März – das geht nun schon fast ein Jahr so. Wir spüren, dass wir auf der letzten Reserve fahren. Die Batterien sind weitgehend entladen, wir erhalten das, was von unserem Alltag übriggeblieben ist, noch knapp aufrecht. Und wir spüren: Das geht nicht mehr lange gut. Das war kein Sprint. Bis hierher, das war Mittelstrecke. Und wir sind noch nicht auf der Zielgeraden der Akutphase dieser Pandemie. Wir hatten uns auf einen Sprint eingestellt im März – und nun geht uns die Puste aus. „Schluss mit Corona – es reicht jetzt!“. 

    Mal rückblickend betrachtet: Wo haben wir uns körperlich, seelisch, geistig stark verausgabt? Ab wo müssen wir uns eingestehen, uns zu stark verausgabt zu haben und woran machen wir das fest? Ich denke: Wenn es uns in absehbarer Zeit nicht gelungen ist, die Reserven wieder aufzuladen, war´s zu viel. Wir leben auch nach fast einem Jahr immer noch in der Illusion, den üblichen Vor-Pandemie-Ladevorgang starten zu können – durch Treffen mit der Familie, den Freunden, im Verein, im Urlaub, im Schwimmbad, im Konzert, im Stadion, in der Eisdiele. Natürlich wissen wir irgendwie: So können wir nicht aufladen, so wie immer. Nicht jetzt. Aber bald. Denken wir und können den Zeitpunkt doch nicht definieren. Die harten Fakten: Bis auf Weiteres werden wir nicht wie zuvor auftanken können. Unter diesen erschwerten Umständen können wir nur sehr langsam aufladen. Wir brauchen mehr Zeit. Mehr Ruhe. Und ein neues Bewusstsein dafür, dass wir uns auf der Mittelstrecke befinden – die nächste Ladestation erst in einigen Kilometern Entfernung. 

    viele von uns sind Sprinter

    Laden Sie mal in Sinsheim ein Elektro-Auto – das klappt ähnlich gut wie derzeit die Regeneration nach Stress und Überanstrengung. Die Tankanzeige blinkt rot, keine Ladesäule in Reichweite, und wenn, ist sie gerade außer Betrieb. Machen wir uns nichts vor – viele von uns sind Sprinter. Wir sprinten, laufen in kurzen Etappen auf Vollgas, das nächste Ziel immer vor Augen. Los – bis zum nächsten Baum. Nur noch diese eine Woche mit zwanzig Überstunden, dann hab ich Urlaub. Im Ziel darf man umfallen. Aber: Wir wurden auf die Mittelstrecke geschickt. Fragen Sie mal einen ausgewiesenen Mittelstreckler – der sieht sein Ziel vor dem inneren Auge. Sein Körper und Geist wissen, wie sich das Rennen auf welchem Streckenabschnitt anfühlen wird oder sollte. Er ist ein Spezialist. Mit einer Menge Disziplin und Selbstbeherrschung. Mit viel Erfahrung. Und die haben wir nicht. Also sollten wir beginnen, unser erstes erzwungenes Mittelstreckenrennen strategisch zu planen. Beruflich und privat. Soweit möglich, wir sind ja schon mittendrin. Als Sprinterin kann ich behaupten: Schokolade bringt mich über die Sprintstrecke. Was aber nimmt der Mittelstreckler an der Verpflegungsstation mit? Das Kalium aus den Bananen für´s Nervensystem und den Blutdruck? Den Viertelliter handwarmes Wasser anstelle der kalten Cola? Mit Sicherheit weiß er, was er braucht, um die Strecke gesund zu überstehen. Noch irren wir uns durch diese anstrengende Phase. Lassen Sie uns daher die Mittelstreckenexperten befragen – wir müssen nicht jeden Anfängerfehler selbst gemacht haben, oder?

    Meine Tipps für Anfänger*innen auf der Mittelstrecke, geklaut von erfahrenen Mittelstrecklern, modifiziert und zwischenzeitlich in mein eigenes Repertoire übernommen: 

    1. Machen Sie sich bewusst, dass Sie auf der Mittelstrecke sind – fieserweise einer mit unklarem Zielpunkt. Es könnte sogar eine Langstrecke sein. Keine anfallsartigen Aktionen mehr, bei denen mit leeren Akkus zu rechnen ist. Derzeit möchten Sie nicht in die Verlegenheit kommen, kurzfristig einen Arzt zur Hilfe rufen zu müssen. 
    2. Akkus schonen: entladen Sie gleichmäßig. Etablieren Sie Abläufe in Ihrem Alltag, die auf Gleichmäßigkeit und Berechenbarkeit ausgelegt sind. Sowohl beim dosierten Ent- als auch beim situationsangepassten Beladen. Denken Sie dran: Ihr Akku ist schon ein paar Jahre alt, falls Sie das hier lesen können. 
    3. Suchen Sie neue Ladestationen. E-Auto ganz neu? Die bisher von Ihnen frequentierte Tankstelle wird Ihnen nicht weiterhelfen. Neue Ladestationen finden Sie in ungewöhnlichen Ecken von Sinsheim. Bzw. in Ihrem Bekanntenkreis, Ihrem Verein, Ihrer Nachbarschaft bei genauem Hinschauen bei Menschen, die Sie bis gerade eben nicht auf dem Schirm hatten. Suchen Sie diese Menschen, leiern Sie eine gemeinsame Aktion an.
    4. Karosseriepflege: Von Pflegeritualen und ihrer positiven Auswirkung auf das Gesamtbefinden brauchen wir nicht zu sprechen. Aber über die Qualität Ihrer Ernährung, Ihres Schlafes, Ihrer Ruhephasen. Probieren Sie neu aus, wie viel Schlaf Sie pro Nacht brauchen, um ausgeruht aufzustehen. Modifizieren Sie Ihren Tagesablauf diesbezüglich. Beziehen Sie Ihr direktes Umfeld in diese Überlegungen mit ein; gegebenenfalls setzen Sie sich durch. 
    5. Akku vollständig entleert? Oder auf unter zwanzig Prozent? Ladestation nicht in Sicht? Suchen Sie sich die Hilfe, die Sie brauchen. Erster Ansprechpartner ist oftmals der Hausarzt. Sie sind sich über das, was Sie brauchen, um nicht weiter auszubrennen oder wieder auf die Beine zu kommen, nicht ganz im Klaren? Dann wenden Sie sich vertrauensvoll an mich, wir schauen uns das gemeinsam an. 

    Mittelstrecke unklarer Länge – oder doch Langstrecke? Für heute soll dies als erste Anregung reichen. Warum wir uns in Zukunft auch mit den Renntaktiken für die Langstrecke befassen sollten und was wir von Marathonläufern lernen können, darum wird es demnächst hier gehen.